Praxismanagement
21.10.2018

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Krankheit zum Tode: Akzeptanz? Versagen? Auseinandersetzung? Gleichgültigkeit? Angst?

von Ute Jürgens

In der täglichen Arbeitsroutine entstehen immer wieder Einschnitte durch das Sterben von Patienten. Mal erleben es Ärztinnen und Ärzte mit, mal werden sie kurz danach gerufen. Wie reagieren Sie? Rein professionell wissenschaftlich? „Nur“ als Mensch? Ist hier der Mensch im Arzt oder der Arzt im Menschen an der vordersten Linie?


Was bedeutet „Tod“ für mich?
Jeder Mensch ist durch Erziehung, Ausbildung und Erfahrungen unterschiedlich geprägt. Die innere Einstellung zum Tod beeinflusst die Fähigkeit, mit ihm und den betroffenen Patienten umzugehen. Arthur Schopenhauer zum Beispiel meint:
„Ich glaube, daß, wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Lichte stehen, von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.“
Für spirituell geöffnete Menschen jedweder Religion ist es manchmal einfacher, das Sterben eines Menschen zu akzeptieren, als wenn der Arzt sich für alles verantwortlich fühlt und bei jedem Tod ein ungesundes Gefühl des Versagens oder der Schuld empfindet. Zwischen diesen beiden Polen liegt viel Land. Wichtig ist es, den eigenen Standpunkt zu kennen, sich damit auseinander zusetzen, ob die eigene Einstellung „richtig“ ist, ob sie die Ärztin befähigt, besser mit sterbenden Patienten und deren Angehörigen umzugehen. In anderen Lebensbereichen helfen wir gerne oder bezeugen Mitleid und Solidarität, Verständnis und Trost. Hier ist es schwieriger.
Wo liegt der Schlüssel zu einem natürlichen oder allgemein gesagt „guten“ Umgang mit dem Thema Tod?
Es hilft, Abschiede jeder Art bewußt zu erleben, ohne sich mit dem Wiedersehen zu trösten. Bewußt leben und es lieben erleichtert es, lebenssatt zu sterben. Hierzu gehört auch, das eigene Alter mit allen Fähigkeiten und Einschränkungen zu akzeptieren. Gegengewichte schaffen kann man, indem man Freude gegen das Leid setzt, sich also nicht in Schwierigkeiten oder Krankheiten vergräbt. Das Zulassen von
Gefühlen und Spiritualität sowie das Annehmen und Bitten um Hilfe sind für Ärzte oft schwieriger als für andere, erleichtern aber unendlich. Eltern, Kinder, Partner als eigene Individuen zu akzeptieren und loszulassen, ist ebenso wichtig. Das Klären von Beziehungen trägt ebenfalls dazu bei, den Tod besser annehmen zu können: Dank und Liebe aussprechen, Bedrückendes und offene Rechnungen klären, sich selbst(!) und Anderen verzeihen. Schmerzen, Krisen und Verluste sind auch als positive Möglichkeit zu würdigen, sich weiterzuentwickeln und einen Blick für das Wesentliche im eigenen Leben zu bekommen. Das Finden von neuen und alten Ritualen zur Bewältigung von Tod und Trauer und ihr Zelebrieren bringt das Verstehen, die Akzeptanz und die Fähigkeit zum Weiterleben ein großes Stück weiter. Rituale wirken ohne Umweg,
Kontrolle und Filtration über den Verstand direkt auf das Gefühl. Das ist wesentlich.
Für einen natürlichen Umgang mit dem Tod hilft das Leben in der Gegenwart „Lebe, wie Du, wenn Du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben!“ Dieser bekannte Ausspruch bringt es auf den Punkt. Ein Arzt oder Patient, der ihn beherzigt, hat es leichter als Menschen, die beim Sterben viel Gewünschtes aber Ungetanes beklagen.
Im Umgang mit Trauernden, die von sehr verschiedenen Gefühlen bewegt werden, ist es hilfreich, zuzuhören: aktiv, vorurteilsfrei, konzentriert, teilend, Antworten werden kaum erwartet. Jeder Mensch ist anders, in seinen Erfahrungen von seinem Leben geprägt. Geduld und die Erlaubnis für Todkranke und trauernde Angehörige, den Prozess in der ihnen eigenen Geschwindigkeit zu bewältigen, sind von großem Wert. Tränen sind ein natürlicher Reinigungs- und Heilungsmechanismus. Falls das Weinen dem Trauernden peinlich ist, ist es gut zu verdeutlichen, daß alle Gefühle recht haben und sein dürfen. Es reicht oft schon, die Hand zu reichen.
Bestimmte Warnzeichen sind zu beachten: mitunter verfallen Trauernde in selbstzerstörerische Verhaltensweisen: Alkohol, überhöhter Tablettenkonsum, sich Isolieren, Depressionen. Man sollte die Betroffenen offen darauf ansprechen, und unter Umständen Familienangehörige einschalten. Letztere äußern immer wieder, daß sie sich vor allem während des Sterbeprozesses ihres Familienmitgliedes alleine, einsam und verlassen fühlten, sich unverstanden, zurückgestoßen, isoliert vorkamen, und in ihren Empfindungen nicht ernst genommen oder akzeptiert fühlten.
Jeder Arzt steht in einem ständigen Balanceakt: Wie viel Verantwortung übernehme ich bei wem, was ist „Pflicht“, was ist zuviel oder zuwenig? In welchem Maße möchte ich begleiten, stimmt das mit dem überein, was „man“ von mir erwartet, wo ist das für mich gesunde Maß? Inwieweit richte ich mich danach? Die Fähigkeit der inneren Abgrenzung ist bei Trauerprozessen besonders gefragt, speziell die Wahrnehmung fremder und eigener Gefühle, ohne unter ihnen zu leiden.
Ärzte, die unter der Berufskrankheit Perfektionismus leiden, seien darin bestärkt, sich im Kontakt mit Schwerkranken und Sterbenden lieber mal ungeschickt zu verhalten, als die Zuwendung aus Angst vor Fehlern vollkommen zu unterbinden. Fehlende Kommunikation ist in weit höherem Maße „verkehrt“ als eine aus der Situation entstehende holprige Mitmenschlichkeit.




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